Reinhard Wöllmer / Juni 2010

Zu den Arbeiten von  Reinhard Wöllmer

Klarheit und Präzision sind die Begriffe, mit denen sich die Arbeit von Reinhard Wöllmer spontan verbinden lassen.

Wenn Sie die hier gezeigten Werke anschauen, werden Sie erkennen, dass das vorherrschende Motiv der Kreis und seine Abwandlungen ist. Im Detail zeigt sich, dass der eigentlich in sich ruhende Kreis durch unterschiedlichste Eingriffe in Spannung versetzt wird.
Im Wesentlichen benutzt Reinhard Wöllmer dafür die Linie, die als Kante oder Einschnitt verwendet wird und eine Fläche, die als kontrastierender Farbeinsatz oder als Durchbruch auftritt.

Im Folgenden beziehe ich mich auf die großen Papierarbeiten.
Wiewohl einiges ebenso für seine Schnittarbeiten und Collagen gilt. In diesen kleineren Arbeiten reduzieren sich die Palette und die Räumlichkeit und der malerische Aspekt tritt zu Gunsten einer eher grafischen Ausrichtung zurück.

Reinhard Wöllmer verwendet Zellulose, um diese als pigmentierten Farbbrei zu durchgefärbten Flächen zu verarbeiten. Aus diesem Material, man könnte von Halbzeug wie in der Metallverarbeitung sprechen, entstehen reliefartige, wandbezogene Arbeiten. Auch die Formung dieses Materials verbindet sich mit der Arbeit eines Silberschmieds oder eines Karosseriebauers, denn er benutzt ebenfalls einen Hammer um die Flächen zu wölben.

Diese signalfarbigen, größtenteils monochromen Farbflächen erscheinen als Bildfigur auf der Wand und verorten damit Wöllmers Auseinandersetzung in die  Nachbarschaft des deutschen Künstlers Imi Knoebel oder des Amerikaners Ellsworth Kelly, der sich in den 1970er Jahren auch mit Papier als Farbmaterie auseinandersetzte.

Angesichts dieser Arbeiten wird ein wichtiger Aspekt des Papiermaterials offenbar; es bietet dem auftreffenden Licht auf Grund seiner Oberflächenstruktur genügend Angriffsfläche. Dadurch werden dem Betrachter unterschiedlichste Farbqualitäten zurückgesendet, und es kommt bei frontalen Lichtverhältnissen zu einer tiefenräumlichen Ausdehnung der Farbe.

Diese texturierten Flächen werden zum Teil auch als geordnete Struktur umgesetzt, was den Flächen einen eigenen Charakter verleiht oder die Komposition unterstützt. Dem vorhandenen Licht des Ausstellungsraums kommt dadurch eine wichtige Bedeutung bei der Wahrnehmung der Arbeiten zu.
Um auf diesen ortsspezifischen Aspekt zu reagieren hat Reinhard Wöllmer für seine Arbeiten unterschiedliche Hängepositionen eingeplant, die die Werke so in gewissen Grenzen unabgeschlossen und variabel machen.
Ebenso erhält der Betrachter eine wesentliche Rolle. Durch die Veränderung seines Standpunkts im Raum erscheint die Figur auf dem Grund der Wand immer wieder neu und vermittelt so die eigne Bewegung im Raum als Farberlebnis.

Hierbei wird deutlich, dass es, wie so oft in der Malerei, unmöglich ist, eine adäquate Darstellung per Katalog zu erreichen und bestätigt die Notwendigkeit einer Erfahrung am Original.

Die hier verwendete Reduktion der formalen Mittel stellt Reinhard Wöllmers Arbeit in eine bildnerische Tradition, die mit den russischen Konstruktivisten der 1920 Jahre und der de Stijl – Gruppe in Holland beginnt. Sie führt über Teile der Farbfeldmalerei der 50 er 60 er Jahre in eine gegenwärtige Ausdrucksweise konkreter Kunst.

Die zuletzt beschriebenen Merkmale verbinden Reinhard Wöllmers Arbeiten mit Jan Schoonhoven einem der wichtigen Vertreter der holländischen Gruppe Nul.
Auch Schoonhoven hat mit seinen papierbezogenen Arbeiten die monochrome nur lichtmodulierte Bildfläche in den Mittelpunkt seiner Arbeit gestellt.
Beide Künstler arbeiten reliefartig und verbinden den Inhalt der Bildfläche mit der Außenform der Bildfläche, wobei sich Schoonhoven stärker am Tafelbild orientierte, während man Wöllmers kreisförmige Arbeit als ein – Konkretes Tondo – bezeichnen kann. Das Tondo war im 16. Jahrhundert zur Zeit der Renaissance äußerst beliebtes rundes Bildformat in Malerei und Architektur.

In der Entwicklung dieser Werkgruppe zeigt sich eine fortschreitende Verräumlichung der Arbeiten, durch die Verwendung von mehreren Schichten und dem Verschwinden der prozessualen Materialkante.
In letzter Zeit werden die Durchbrüche offener und machen die darunter liegende Wand verstärkt zum Dialogpartner des Farbobjekts, das sich als Lichtmodulierte Farbfigur auf der Wand zeigt. Die  Beleuchtung und Verschattung der Farbflächen verbindet sich mit den Schatten und dem Licht auf der Wand und dehnen das Bildgeschehen auf die gesamte Wandfläche aus. Gerade die verschiedenen Schattenorte in Wöllmers Arbeit zeigen, wie unterschiedlich und kontrastreich der Schatten eingesetzt wird.

Die Ausrichtung  von Wöllmers Auseinandersetzung wird deutlich: es geht um Malerei.
Farbe als gemalte Farbe, die handschriftlich malerisch auftritt, ist dabei nicht sein Feld, sondern eine ambitionierte monochrome Malerei, die das rahmengestützte Bildgeviert und die Inhaltlichkeit des Materials schon hinter sich gelassen hat.
Ihr Charakteristikum ist die durch ortsspezifische Beleuchtung modulierte Farbe, die mit dem Untergrund interagiert. Der Künstler schafft. zuerst die konstruktiven Bedingungen, damit danach das Licht malen kann. Reinhard Wöllmer. lässt die Bildfigur als Farbobjekt vor und mit der Wand agieren.
Damit arbeitet er im Zentrum einer nichtabbildenden Malerei, die sich immer wieder mit der Frage nach dem Bild und seinen Bedingungen beschäftigt.

„Das Sehen gewinnt sein fundamentales Vermögen zurück, mehr als es selbst zu manifestieren und zu zeigen. … Es geht nicht mehr darum, vom Raum oder vom Licht zu sprechen, sondern den Raum oder das Licht, die da sind, sprechen zu lassen.“

Zitat  Günther Uecker in: Wiehager, Renate (Hrsg.): „Zero aus Deutschland 1957-66 und heute“ A.-Kat. Villa Merkel, Esslingen Verlag Hatje Cantz 2000

Askan Hertwig


www.woellmer.net

Fotos von der Vernissage

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Autor: - Datum: Sonntag, 18. April 2010 16:39
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