Beiträge vom April, 2014

CLEMENS HEINL skulpturen & objekte

Freitag, 25. April 2014 14:12

Die Kunst der Kettensäge

Der Bart ist ab. Und viel schlimmer – das Haar ist auch weg. Albrecht Dürer ohne seine Lockenpracht? Wer kann sich das vorstellen? Clemens Heinl kann es. In Studien zu seiner Büste „Albrecht“ hat er ihn mal mit, mal ohne Wallehaar skizziert. Natürlich ist das Vorbild, das „Selbstporträt im Pelzmantel“, unverkennbar. Verblüffendes Ergebnis: h6Heinls gerupfter Dürer wirkt älter, gereifter, herber. Eher wie ein abgeklärter Handwerker seines Metiers denn als Künstler. Womöglich sieht sich Heinl, Jahrgang 1959, gelernter Orthopädiemechaniker und seit zwanzig Jahren freischaffender Künstler, genauso.

Indes, die Büste „Albrecht“ aus Lindenholz zeigt unseren Maler dann doch mit fließenden Haarsträhnen, wenn auch schroff, hart und kantig. Denn Clemens Heinl rückt seinem Material nicht mit Schaber, Schnitzmesser und Feile zu Leibe, sondern mit Axt und Kettensäge.

h9Und gleich noch ein Denkmal, auch wenn der Porträtierte frisch und munter unter den Lebenden weilt. In Lebensgröße steht der „Klaus“ in der Mitte des Raums. Gelassen, ruhig, entspannt, die Hände in den Jackentaschen, aber mit einem skeptischen Gesichtsausdruck, als wolle er sagen: „Na, was ist das denn wieder für ein Kulturkram hier?“ Eindeutig, das ist der Klaus Schamberger, der Spezi der untergegangenen Abendzeitung.

Was aber bewirkt den Eindruck der Lebendigkeit? Nicht unbedingt die hagere Physiognomie samt Schnauzbart. Auch nicht die Farben, wobei die Naturfarbe des Holzes (Jacke und Gesicht) sich mit den bemalten Partien (dunkle Hose, rotes Hemd, graues Haar) harmonisch ergänzt. Es sind die Risse im Pappelholz, die tiefen Kerben und Schrunden, die den Faltenwurf des zerknautschten Anzugs nachzeichnen, die Haltung zwischen statuarischer Starre und Lässigkeit. Aber auch ein Element von Zartheit. Wer genauer hinsieht, entdeckt an den Kanten immer wieder haarfeine, millimeterhoch abstehende Holzspreißel, die der Arbeitsprozess mit Kettensäge übriggelassen hat. Man ist versucht, darüberzustreichen, wäre das Material nicht so empfindlich.

Diese Formensprache des brutal Zugerichteten, das dennoch überraschende Bereiche von Feinheit und Zartheit übriglässt, h10findet sich auch in Heinls Landschaften: fünf Holzplatten mit der Kettensäge zu Reliefs gestaltet. Horizontale und diagonale Linien durchziehen das Holz, arbeiten Höhungen und Vertiefungen heraus; vor allem aber hinterlässt das Schnitzwerk der Säge einander überlagernde Kreisspuren, die mit den strengen Linien und der Maserung des Holzes korrespondieren.

Kann man mit Axt und Kettensäge auch Akte gestalten? Heinl kann es. Die drei kleinen „Next Top Models“ entsprechen zwar durchaus dem Ideal der zarten Elfe zwischen Nulldiät und Magersucht. Freilich, der Eros bleibt außen vor. Der findet sich eher bei dem fröhlichen Satyr-Paar, das huckepack beim „Panritt“ der Lust frönt. Arnold Böcklin hätte seine Freude daran gehabt.

REINHARD KALB  FN vom 29.04.14

 

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